Helmut Scheulen über 60 Jahre beim VfB Korschenbroich, ein Aufstiegsspiel mit ausgeschlagenem Zahn, das Klubheim und den richtigen Moment, loszulassen.
Das Gespräch für den VfB Korschenbroich 1913 führte Sven Frank.
Wanlo, Mai 1976. Jeder Platz hinter der Bande ist besetzt. Der VfB Korschenbroich braucht einen Sieg. Verliert er, steigt Borussia Mönchengladbach in die Bezirksliga auf. Ein Punkt Vorsprung, mehr nicht.
Helmut Scheulen ist 18. Er spielt im Sturm. Er wird an diesem Nachmittag zwei Tore machen, das zweite per Kopfball, und dabei einen halben Zahn verlieren. Der VfB gewinnt 3:1. Nach dem Spiel gibt es Sekt unter der Dusche, dann steigen sie mit Sponsor Thomas Willi in dessen dicken Mercedes und fahren zum Gasthof Deuss nach Pesch. Sie feiern bis tief in die Nacht. Für den Montag hatte Helmut sich vorsichtshalber schon einen Tag Urlaub genommen.
Fast 50 Jahre später sitzt er im Klubheim des VfB, das ihm über die letzten 23 Jahre so etwas wie ein zweites Wohnzimmer geworden ist. Er ist seit 1966 im Verein, damals war er acht. Er hat 13 Jahre in der ersten Mannschaft gespielt und war insgesamt 25 Jahre im Vorstand, davon vier als Kassierer und viele Jahre als zweiter Vorsitzender an der Seite seines engen Freundes Ulrich Tiefes, der in dieser Zeit erster Vorsitzender war.
Jetzt hat er diesen Posten abgegeben. Ein guter Anlass für ein Gespräch, das nicht einfach nur eine Karriere abhaken, sondern die Geschichten hinter den Fakten für uns erlebbar machen soll.
Wie es anfing
Helmut, weißt du noch das erste Mal, dass du beim VfB auf dem Platz gestanden hast?
Ich war acht Jahre alt, das war 1966. Angefangen habe ich in der E-Jugend, damals noch auf dem Rasenplatz. Der Aschenplatz ist erst 1965 oder 1966 gebaut worden, mit den Kabinen zusammen. Der Rasenplatz war vorher schon da, den gab es aus der Vor- und Nachkriegszeit.
Aus dem alten Aschenplatz ist dann 2018 der heutige Kunstrasenplatz geworden, mit Tartanlaufbahn drumherum. Damals ist auch mal gesagt worden, dass der Aschenplatz über 50 Jahre alt war. Ich habe hier einiges miterlebt.
Ab wann warst du in der ersten Mannschaft?
Ab April 1975, mit 17. Ich habe die letzten vier Spiele der Saison mitgemacht. In der neuen Saison sind wir dann direkt aufgestiegen. Insgesamt habe ich 13 Jahre in der ersten Mannschaft gespielt. Angefangen habe ich in der Abwehr, dann Mittelfeld, und die letzten neun oder zehn Jahre nur noch Sturm.
Man würde meinen, du wärst eher Torwart gewesen.
Das haben schon einige gedacht. Ich habe in der Alt-Herren-Zeit hier und da mal im Tor gestanden, weil das mit den Sprunggelenken irgendwann nicht mehr ging. Aber in der ersten Mannschaft war ich Angreifer. Sieht man mir heute nicht mehr an, aber ich war damals einer der schnellsten Spieler beim VfB.
Wie schnell?
Beim Training haben wir mal gemessen: 100 Meter in 11,4 Sekunden. Geraucht habe ich nie, das hat sicherlich mitgeholfen. Und die Tore, meistens zwischen zehn und fünfzehn in der Saison.
Wanlo, 1976
Wenn du an die schönste Zeit als Spieler denkst, welches Spiel fällt dir zuerst ein?
Der Aufstieg in Wanlo. Für mich mit das schönste Erlebnis, das ich beim VfB je hatte. Gladbach war einen Punkt hinter uns. Bei einer Niederlage wären sie aufgestiegen. Der Platz war voll, unglaubliche Stimmung.
Wir haben 3:1 gewonnen, ich habe zwei Tore gemacht, davon eins per Kopfball. Und dabei hat es mir einen halben Zahn ausgeschlagen. Das war mir in dem Moment egal.
Und dann?
Sekt unter der Dusche. Anschließend sind wir im Mercedes von Thomas Willi in den Gasthof Deuss nach Pesch gefahren und haben bis in die Nacht gefeiert.
Der Thomas hat als Sponsor unheimlich viel für die erste Mannschaft getan. Er wohnte in Pesch, hatte hier eine Baumschule, eine große Firma. Er ist längst verstorben, aber wer die Zeit noch kennt, weiß, was der für den VfB war.
„Vorsichtshalber hatte ich mir für den Montag schon vorher einen Tag Urlaub genommen.“
Trainer und Mitspieler
Wer hat dich als Spieler geprägt?
Als Trainer war das Hans Brungsberg, unter dem wir aufgestiegen sind. Ich weiß noch, wie er auf der Spielersitzung gesagt hat: Wenn wir nach vorne spielen, dann spielt den Ball lang nach vorne, der Helmut ist da. So etwas vergisst man nicht.
Danach kam Kreuzberg, später Peter Cuypers, unter dem ich lange trainiert habe.
Und in der Mannschaft?
Hans-Bert Eick und Theo Winkels, die zwei kommen mir sofort in den Kopf. Beide technisch sehr gut. Hans-Bert hat die Tore geschossen, Theo hat das Spiel von hinten aufgezogen.
Herbert Hühner habe ich lange an meiner Seite gehabt, bevor er weggegangen ist. Das waren gute Jahre.
Und noch ein Name aus dieser Zeit, der dir wichtig ist?
Heinz Kronen vom Gartenzentrum Kronen in Korschenbroich, das damals gegenüber vom ehemaligen Fahrrad Schneiders war. Er war dem Verein sehr, sehr treu. Solche Namen darf man nicht vergessen, wenn man über die Geschichte des VfB spricht.
Vom Platz ins Ehrenamt
Wann bist du vom Spieler zum Kassierer geworden?
Das ist fließend gewesen. Ich habe schon in der ersten Mannschaft die Kasse gemacht, später auch bei den Alten Herren. Ich war immer ein Mensch, der gerne Verantwortung übernommen hat.
Beruflich war ich 25 Jahre Produktionsleiter, das trägst du auch in dein privates Leben hinein. Beim VfB bin ich von einer Aufgabe in die nächste hineingewachsen. Kassierer war ich vier Jahre, zweiter Vorsitzender viele Jahre. Insgesamt 25 Jahre Vorstand.
Was war deine erste große Aktion als Kassierer?
Ich habe den Lastschrifteinzug eingeführt. Da hat sich vorher keiner herangetraut. Alle haben gesagt: Mache ich nicht. Heute ist das ein Muss, das steht auch so in der Satzung.
Damals musste jemand es durchziehen. Ich war der. Und es gab noch alte offene Posten aus früheren Jahren zu regeln. Vier Jahre habe ich gebraucht, das Geld zusammenzukratzen.
Wer war damals eng an deiner Seite im Vorstand?
In erster Linie Ulrich Tiefes, der Uli. Mit dem bin ich sehr, sehr gut befreundet. Er war damals erster Vorsitzender, ich neben ihm zweiter. Er hat mich damals gefragt, ob ich mitmache, und dann bin ich mit hineingegangen.
Ohne den Uli wäre ich vielleicht gar nicht so tief in die Vorstandsarbeit gerutscht. Neben ihm waren Michael Hüschelrath und Willi Baues im Vorstand. Das waren gute Runden.
Das Klubheim
Worauf bist du im Rückblick am stolzesten?
Auf das Klubheim. Wir haben das gemeinsam gebaut, den kompletten Innenausbau selbst gemacht. Vorher war das nichts Wildes, die Schiedsrichter haben sich noch woanders umgezogen.
Seit gut 23 Jahren leite ich das hier oben, praktisch von der Eröffnung an. Alles, was mit dem Einkauf zu tun hat, alles, was für den Verkauf gebraucht wird, und alles, was mit den Mietern zu tun hat.
Wie sah so eine Woche aus?
Ich war Dienstag, Donnerstag, Freitag, Samstag und Sonntag hier. Und nicht bis zehn Uhr, sondern bis ein oder zwei. Morgens um fünf wieder aufstehen zur Arbeit.
Ich habe das viele Jahre mit Hans Philippen zusammen gemacht, den alle nur Flippe Hennes nannten. Er hat nachmittags aufgemacht, ich habe abends übernommen. Es waren dann locker zehn oder fünfzehn Leute hier.
Hans Philippen ist schon länger nicht mehr da.
Er ist gut zwölf oder dreizehn Jahre tot. So ein Mensch fehlt einem noch lange, wenn er weg ist.
100 Jahre VfB
2013 war das Jubiläumsjahr. Das war deine große Nummer.
Das war die größte, die ich in meinem Leben gemacht habe. Wir hatten das Niederrhein-Pokal-Spiel gegen den MSV Duisburg.
Gespielt haben wir im Stadion des VfB Homberg, weil das bei uns aus Sicherheitsgründen nicht ging und das Grenzlandstadion in Mönchengladbach von der Stadt nicht zugelassen wurde.
Drei Monate habe ich daran gearbeitet, bin mit Günther Adrians nach Homberg gefahren, habe die Termine gemacht. Den Kartenverkauf haben wir selbst organisiert. 2.500 Zuschauer waren da. Wir haben zwei Busse aus Korschenbroich organisiert.
Ihr habt 5:0 verloren.
Das war nicht der Punkt. Der Punkt war die Stimmung, das Fest, das Miteinander.
Ich bin damals wenige Wochen vorher zum zweiten Mal am Sprunggelenk operiert worden. Mein Sohn hat mich hingefahren, ich war noch auf Krücken. Ich wollte da unbedingt sein. Nach dem Spiel bin ich im Bus mit der Mannschaft zurückgefahren.
Zum Jubiläum gehörte auch die Festschrift.
Das war das Schönste, was ich je gemacht habe. Wir hatten rund 100 Werbepartner darin, siebzig davon habe ich selbst hineingeholt.
Wenn ich das Heft heute aufschlage, sehe ich all die Gesichter darin, mit denen ich zu tun hatte. Manche gibt es leider nicht mehr.
Der Bambini-Trainer
Gab es einen kleineren Moment, bei dem du gedacht hast: Jetzt konnte ich richtig etwas bewegen?
Ja, die Suche nach einem Bambini-Trainer vor einigen Jahren. Ich habe fast zwei Jahre gebraucht, bis ich jemanden gefunden hatte, der das übernimmt. Und der macht das heute hervorragend.
Wenn du keinen Bambini-Trainer hast, wächst dir keine F-Jugend nach, dann keine E-Jugend und irgendwann keine erste Mannschaft. So einfach ist das.
Aufstieg 1996
In den 90er-Jahren war der VfB kurz in der Kreisliga A. Diese Zeit war eng mit einem Namen verbunden.
1994 oder 1995 sind wir abgestiegen. Da haben wir Norbert Ringels als Trainer geholt. Wir sind ungeschlagen Meister der Kreisliga geworden und direkt wieder in die Bezirksliga aufgestiegen. Also zweimal hintereinander aufgestiegen.
Da war ich schon nicht mehr aktiver Spieler, aber ich habe das intensiv miterlebt. Es waren Hochzeiten mit Spielern wie Andre Dammer und Hasan Sen. Danach haben wir fast zehn Jahre Bezirksliga gespielt.
Und aus der jüngeren Vergangenheit?
Guido Kopp und Frank Wachmeister als Trainer. Beide waren für mich sehr gut, ich hatte immer ein sehr gutes Verhältnis zu ihnen. Was die hier über viele Jahre gemacht haben, war beachtlich.
Der VfB als Heimat
Was macht den VfB für dich aus?
Mich hat nie einer wegholen können. Ich habe 28 Jahre in Kleinenbroich gewohnt und man hat mich immer wieder gefragt, ob ich nicht dahin wechsele.
Ich habe immer gesagt: Nein, mein Verein ist der VfB Korschenbroich. Schau, ich bin ein Neersbroicher Jung, geboren in Korschenbroich, aufgewachsen in der Gilleshütte. Ich habe nie darüber nachgedacht, den Verein zu wechseln.
„Der VfB Korschenbroich ist mein Verein und wird es immer bleiben.“
Woher kommt diese Haltung?
Ich glaube, die kommt daher, dass ich hier bei so vielen guten Menschen war. Vor 15 Jahren die Ehrenurkunde vom DFB für 25 Jahre ehrenamtliche Arbeit zu bekommen, etwas Schöneres kann ich mir eigentlich gar nicht vorstellen.
Familie
Ohne deine Frau hätte das alles nicht funktioniert.
Ohne meine Frau wäre das gar nicht möglich gewesen. Wir sind seit 46 Jahren verheiratet, im 47. Ehejahr.
Der Verein hat viel Zeit gekostet, und beruflich habe ich auch nicht acht Stunden gearbeitet, sondern meistens zwölf oder dreizehn. Das ist eine Menge, die eine Familie stemmen muss.
Und die Kinder?
Zwei Kinder, die heute weit auseinander wohnen. Der eine im Norden, der andere im Süden, über 300 Kilometer entfernt. Wir freuen uns riesig, sie jetzt öfter besuchen zu können.
Wofür bist du am dankbarsten, wenn du zurückblickst?
In erster Linie dafür, dass meine Frau immer zu mir gehalten hat. Sie hat mir zweimal in meinem Leben das Leben gerettet. Da kann ich gar keine Worte für finden. Tausend Dankbarkeitsgrüße, und selbst das ist zu wenig.
„Sie hat 46 Jahre lang mitgetragen, dass ich hier bin.“
Der Abschied
Nach 60 Jahren beim VfB und 25 Jahren im Vorstand aufzuhören, das ist ein großer Schritt. Wie fühlt sich das gerade an?
Es ist okay. Ich bin froh, dass ich nicht mehr jeden Tag hierher fahren muss, um irgendetwas zu erledigen.
Ich habe die Entscheidung nicht spontan getroffen. Für mich war schon vor über einem Jahr klar, dass ich aufhöre. Und ich habe das sehr frühzeitig bekannt gegeben, damit sich der Verein darauf einstellen kann. Meine Frau hat sich riesig gefreut.
Ihr seid vor Kurzem umgezogen.
Ja, nach Pesch, in eine sehr schöne Wohnung, alles ebenerdig. Das ist der Punkt in dem Alter.
Wir wollen die Zeit gemeinsam nutzen. Spazieren gehen, mal ein paar Tage wegfahren, die Kinder besuchen. Das steht jetzt im Vordergrund.
Nach vorn
Was wünschst du dem VfB für die nächsten Jahre?
Dass es sportlich so weitergeht wie in den letzten zwei Jahren. Die kommende Kreisliga-A-Saison wird wahrscheinlich die stärkste Gruppe, die ich je gesehen habe, mit dem 1. FC Mönchengladbach als Absteiger und einigen weiteren starken Teams.
Aber wichtiger ist mir, dass die Jugend wächst. Dass wir wieder mehr Mannschaften haben, dass wieder mehr Kinder hier auf dem Platz stehen. Und dass sich immer wieder Menschen finden, die bereit sind, für den Verein etwas zu tun.
Das ist ja kein reines VfB-Thema.
Das ist ein gesellschaftliches Thema, das viele Vereine spüren. Es sind oft die gleichen Leute, die die Arbeit machen, und es kommt zu wenig nach. Lösen müssen wir es aber hier bei uns.
Und wenn in zehn Jahren jemand über deine Zeit beim VfB spricht, was wünschst du dir, was übrig bleibt?
Dass man weiß, ich habe hier Verantwortung übernommen. Dass ich versucht habe, meinen Teil dazu beizutragen, damit dieser Verein lebt.
Und vor allem, dass es den VfB in zehn Jahren immer noch gibt, dass es weitergeht, dass wieder Menschen kommen, die anpacken.
Wenn dann jemand sagt, der Helmut hat da mal etwas mitgemacht, dann ist das ein schönes Kompliment. Aber wichtiger ist, dass der Verein weiterlebt.
Nach dem Interview
Helmut Scheulen wird nicht mehr jeden Abend im Klubheim stehen. Er wird nicht mehr die Kasse machen und nicht mehr die Getränkelieferung prüfen.
Aber er hat 60 Jahre lang gezeigt, was Ehrenamt in einem Fußballverein leisten kann, wenn ein Mensch es ernst nimmt. Nicht als Karriere, nicht als Bühne, sondern als tägliche Arbeit hinter den Kulissen, ohne die ein Verein wie der VfB Korschenbroich nicht funktioniert.
Wenn beim nächsten Fest die Tür aufgeht und er hereinkommt, wird sich das Klubheim vertraut anfühlen. Und wenn er das Aufstiegsspiel von 1976 erzählt, wird der halbe Zahn wieder eine Rolle spielen.
Manche Geschichten werden mit jedem Erzählen ein Stück besser.
Danke, Helmut. Für alles.

